Mittwoch, 29. Februar 2012

Danke an die Deister-Leine-Zeitung

Im Fachwerkhaus rechts wurde 1885 die DLZ gegründet. Das Bild von der heutigen Kreuzung Heitmüller hat Ortsbürgermeister Blazek zur Verfügung gestellt.
Im Jahr 1885 wurde die „Provinzial Deister-Leine-Zeitung“ im Ortskern von Wennigsen an der heutigen „Kreuzung Heitmüller“ gegründet. Zwar wechselte sie schon kurz danach den Besitzer und zog nach Barsinghausen, doch sie war vom ersten Tag an eine treue Begleiterin des Lebens in Wennigsen, den Ortschaften und seit 42 Jahren unserer damals gegründeten Großgemeinde.

Es stimmt uns Wennigser sehr traurig, dass unsere traditionsreichste Heimatzeitung ab morgen nicht mehr erscheinen wird. Damit fehlt ein wichtiger journalistischer Beobachter und schreibender Mitgestalter des kommunalen Lebens. Vereine und Verbände konnten auf die zuverlässige Berichterstattung bauen. Der Sport nahm breiten Raum ein, die Kultur vor Ort ebenso. Kinder und Jugend hatten Platz sowie Soziales und Seniorenthemen. Ausführlich wieder gegebene Leserbriefe gaben auch denjenigen Raum, die sich nicht in einer Organisation fanden, aber dennoch Anliegen oder Kritik hatten. Ein Blick in die Nachbarschaft war redaktionell ebenso möglich wie mit den unzähligen Familienanzeigen, über die morgens am Frühstückstisch gesprochen wurde. Nicht zu vergessen: die Fotos. So manch ein Wennigser Moment ist in der Deister-Leine-Zeitung durch einen erinnerungswürdigen Schnappschuss zu lokaler Geschichte geworden. Das alles wird uns fehlen.


Ihre Lokaljournalisten wussten auch hitzige Debatten sachlich wiederzugeben oder, wenn es sein musste, Emotionen in Zeitungsspalten ihren Lauf zu lassen. Ich habe in meiner Zeit als Bürgermeister zu schätzen gelernt, dass die DLZ solide und gründlich arbeitete. Kritische Berichterstattung belebte Debatten und begleitete auch schwerste Sachentscheidungen. Dies war oft unbequem für Entscheidungsträger, aber nicht nur Konsens gehört zum politischen Geschäft. Die Deister-Leine-Zeitung hat vermieden, oberflächlich oder reißerisch zu sein. Damit hat sie vor Ort den Maßstab gesetzt. Entwicklungen wurden dargelegt, Hintergründe erklärt und Zusammenhänge hergestellt. Im Namen aller politisch und bürgerschaftlich engagierten Wennigser gilt mein Dank dafür dem Redaktionsteam. Ein besonderer Dank geht an Heinz Mießen. Er ist durch sein Schreiben eine Wennigser Institution geworden! Leider ist er damit der letzte in der Reihe an gründlich und gradlinig arbeitenden festen und freien DLZ-Mitarbeitern, die seit 126 Jahren für örtlichen Qualitätsjournalismus stehen.

Die Mitarbeiter haben um jeden Anzeigenmillimeter und jede exklusive Meldung gekämpft – und verloren. Dafür mein höchster Respekt. Die Leserbriefe und Beileidsbekundungen zum Abschied von der DLZ haben vor allem einen Übeltäter ausgemacht: Das Internet. Das Netz flutet uns mit Informationen, sei es global oder lokal. Noch nie wurde so viel schriftlich kommuniziert wie heute. Genau das macht Journalismus nicht entbehrlich, sondern notwendig. Erkennen, Bündeln und Hervorheben, Abwägen, Objektivieren oder Werten - keine Suchmaschine kann Qualitätsjournalismus ersetzen. Er ist wichtiger denn je. Viele Zeitungsverlage sind zu starr, darauf zu reagieren und entsprechende Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Machen wir uns nichts vor: Die junge Generation haben gedruckte Zeitungen seit Jahren kaum noch erreicht. Und die ältere Generation hat sich schrittweise von ihnen verabschiedet. Das bezeugen seit Jahren sinkende Auflagezahlen. Aktionen in den Schulen oder wie bei uns als Teil des Angebotes der Jugendpflege verpuffen. Der Weg, den der Verlag mit der Einstellung eingeschlagen hat, mag konsequent gewesen sein – aber innovativ war er nicht. Eine Antwort auf die Herausforderung Internet ist die Muttergesellschaft bis heute schuldig geblieben. Auch die weiteren Ursachen mögen vielfältig gewesen sein: das schrumpfende Mittelstandsgewerbe als Anzeigenkunden, kostenlose Anzeigenblätter oder Konzernpolitik, Postwurfsendungen und eCommerce. Fakt jedenfalls ist, dass hier der Beweis angetreten wurde, dass die gedruckte Regionalzeitung keine Zukunft hat, wenn nicht tiefgreifend am Konzept gearbeitet wird.

Den Mitarbeitern gilt meine Verbundenheit und die Hoffnung, dass es ein berufliches „Weiter" gibt. Uns in Wennigsen wird ein Stück unserer Identität fehlen: ein historisches Gedächtnis, ein aktueller Bote, eine Stimme der Schwachen, der Vereine, der engagierten Bürger oder auch ein Blick über den Gartenzaun, ein Schnappschuss oder eine Glosse. Liebe DLZ: Wennigsen sagt Danke für 126 Jahre hochwertigen Lokaljournalismus!

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