Mittwoch, 2. Januar 2013

Kurt Schumacher, das Bahnhofshotel Petersen und eine Matrjoschka-Puppe

Die Seite 3 der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wies heute in einem umfangreichen Artikel auf einen besonderen Geburtstag hin: Die SPD wird 150 Jahre alt. Journalist Reinhard Urschel ließ die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie Revue passieren. Eines aber hat er vergessen: Die Wennigser Konferenz. Er ist nicht der einzige. Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung, die die zitierte Seite zur Geschichte ihrer Partei betreibt [Link], zeigt sich nicht allzu affin. Zwar weist sie auf Erinnerungsorte von London bis Warschau hin. Dass aber die älteste demokratische Partei Deutschlands nach Ende des Weltkrieges in Wennigsen wieder zusammenfand kommt nicht vor. Doch der Blogger hört die Signale: Wiewohl parteilos ruft das natürlich den Wennigser Bürgermeister auf den Plan. Schmollend in der Provinz sitzend, begann er in seiner Mittagspause zu recherchieren.
Auf sechs Seiten eng gedrucktem Text führt die Ebert-Stiftung detailiert [hier] aus, was einen "Erinnerungsort" ausmacht. Immerhin: ein "überwölbender, ziemlich vager Begriff." Besonderes Interesse verdienten beispielsweise "die Perzeption und Rezeptionsgeschichte dieser ,Orte'." Es handle sich um "langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität".
Nachvollziehbar, dass die Wiedergründung im Bahnhofshotel Petersen fehlen kann: Immerhin machte die Gaststätte später Pleite, ging in Flammen auf, wechselte mehrfach den Besitzer, landete in der Zwangsversteigerung, ist bis heute kein Besuchermagnet.

"Der vielfach erhobene Vorwurf der Beliebigkeit zielt letztendlich ins Leere." Wenn schon nicht im akademisch fixierten "Erinnerungskanon", dann hilft das Suchfeld vielleicht weiter. Weder da noch auf der online-Karte ein Wort zur Wennigser Konferenz. Wieso denn bloß? "Als erster und wichtigster Bezugspunkt sollte ein Vergangenheitsbestand über eine mutmaßlich große Trägerschaft verfügen. Das heißt, der jeweils fragliche Erinnerungsort sollte in der Sozialdemokratie bekannt sein und im Gruppengedächtnis eine herausgehobene Bedeutung haben." Die Wanderausstellung des SPD-Ortsvereins reicht da ebenso wenig wie Besuche von Brandt, Scharping, Schröder am Deister.

"Häufig lassen sich in diachroner Perspektive ähnlich wie bei einer russischen Matrjoschka-Puppe verschiedene, übereinander gelagerte Erinnerungsschichten ausmachen." Jetzt wird es klar: In Wennigsen hat es nur zu einer Tafel und dem Schumacher-Denkmal gereicht. Und auf dem Stein hat sich der Grünspan breit gemacht. Am 18. Dezember jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag unseres ehemaligen Gastes Willi Brandt. Vielleicht kann zu diesem Anlaß ja Herr Steinbrück mal einen Vortrag halten. "Darüber hinaus können Erinnerungskonkurrenzen auftreten." Ja, Herr Schröder wäre auch willkommen.

Mal im Ernst: Gibt es auch bei Ihnen in der Familiengeschichte Erinnerungen zur Konferenz oder den Besuchen sozialdemokratischer Prominenz in Wennigsen? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar zu diesem Beitrag.

1 Kommentar:

  1. Trotz meines damals sehr jungen Alters erinnere ich mich noch an den Besuch von Willi Brandt. Da wir damals genau gegenüber wohnten war das auch kein weiter weg. Er soll mir sogar durchs Haar gestrubbelt haben mit den Worten "Na, Steppke?".

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